Was für eine Fahrt: Von Berlin nach Hamburg über Juri Gagarin ins Erzgebirge der Nachwendezeit. Eine Zeitreise im Škoda Felicia Cabrio mit ordentlich Bleiersatz.
Berlin - Auch diese Plattitüde stimmt: Eine Oldtimer-Rallye ist immer eine Zeitreise. Was da rollt, rangiert und Superbenzin hustet, blättert vor dem inneren Auge ein Geschichtsbuch in Daumenkino-Geschwindigkeit durch. Also setze ich mich auf die rechte Hälfte der durchgehenden Sitzbank eines kleinen, blauen Cabrios, mein neues Zuhause für die kommenden drei Tage. 1961 läuft der Wettstreit der politischen Systeme auf Hochtouren. Nur wer gewinnt, ist noch offen. Das spürt sofort, wer in der Felicia Platz nimmt. Die „Isabella des Ostens“ war technisch auf der Höhe ihrer Zeit, mit kopfgesteuertem Motor, 12-Volt-Strom, einer Vorderachse mit doppelten Querlenkern und Teleskopstoßdämpfern.
Aus einem Stück Stahl gegossenDas Auto gehört Jens Herkommer aus Schwarzenberg im Erzgebirge. Ein freundlicher, ruhiger Kfz-Meister mit gemütlichem Akzent und zeitloser Frisur. Der unscheinbare Jens ist Deutschlands führender Kopf, wenn Wissen zu Škoda-Oldtimer gefragt ist. Gemeint sind damit alle Modelle seit 1905. „Den unsynchronisierten ersten Gang braucht Ihr nicht“, sagt Jens, „Einfach anfahren im zweiten, schalten mit zwei Fingern“. Die filigrane Lenkradschaltung ist sensibel, ihr Alleinstellungsmerkmal in diesem Auto. Denn der Rest der restaurierten Felicia wirkt wie aus einem Stück Stahl gegossen. Stark, fest, kernig. Das ist im Kern natürlich falsch, denn den Kern bildet ein Gitterrohrrahmen, überzogen mit dickwandigem Blech. Dickes, lackiertes Stahlblech hat ja eine ganz eigene Ausstrahlung. Im Škoda bekommt man davon nie zu wenig, weil auch das Cockpit aus lackiertem Blech besteht. Drei Bullaugen informieren über Geschwindigkeit, Temperatur und den Füllstand des 25-Liter-Tanks. Erinnerung an die Fliehkraft Wir fahren los, und wie. Getrieben von Begeisterung, bis uns der Respekt in der ersten schnelleren Kurve bremst. Die Fliehkraft erinnert uns an die Endlichkeit des Lebens, auch weil Sicherheitsgurte fehlen. Andreas nimmt etwas Schärfe aus der Gangart. Das fällt ihm nicht leicht, zu gut hängt der drehfreudige Motor am Gas. Aber das Auto hängt eben auch an den Grenzen der Physik. Und diese liegen merklich näher als in neueren Autos. Zusätzlich fehlt Präzision in der Lenkung, mehrfach erwischt Andreas im engen Fußraum das Gaspedal statt der Bremse. Der Temperaturzeiger verharrt irgendwo bei 70 Grad, die Tankanzeige zittert im Vierteltakt. Der Tacho arbeitet erstaunlich exakt, wie wir per GPS feststellen. Das ändert aber nichts daran: Zum Rasen ist die Felicia das falsche Auto, und Rasen beginnt hier bei ca. 100 km/h. Gegen die Kühle im norddeutschen Herbst helfen zwei Klappen unterhalb der Mittelkonsole. Sie leiten Motorwärme in den Innenraum. Am anderen Ende unserer Körper entscheiden wir uns für Pudelmütze statt Verdeck, ein bisschen Cabrio-Spaß muss sein. Wie die Felicia ins Erzgebirge kam Kurz vor der Wende waren Felicia in der DDR kaum noch zu bekommen. Unser kleines, blaues Cabrio tauschte Herkommer 1991 in Passau gegen eine Schwalbe und eine Simson ein. Diese unsere Felicia war nur noch „Schrott“. Zwei Tage bastelte Herkommer das Cabrio zurecht, bis es in einem fahrfertigen Zustand war. Doch der hielt nur 60 Kilometer, „dann war das Wasser weg“. Also Kühler wechseln, dann weiter ins Erzgebirge. Die eigentliche Restaurierung dauerte ein halbes Jahr: „Heute würde man bei einer Komplettrestaurierung ein fehlendes Ersatzteil bauen lassen. Damals hatten wir kein Geld und mussten die Teile in der damaligen Tschechoslowakei auftreiben“. Heute kann der Kfz-Meister über die wilde Aufbruchszeit schmunzeln. Auch die Lackierung bezeichnet er als „Jugendsünde“: „Kurz nach der Wende kamen wir das erste Mal an Metalliclacke, da musste es Metallic sein. Original war das natürlich nicht“. Heute eine RaritätAm Ende unserer Zeitreise stellen wir fest: Moderne Cabrios schirmen den Wind besser ab. Wärmen den Nacken. Federn besser. Liegen stabiler in der Kurve. Das alles ist Fortschritt. Entspannung, Entschleunigung, das ist die Felicia. Und das ist ja auch irgendwie modern. So eine Felicia ist heute schwer zu bekommen, in gutem Zustand fast gar nicht. Ein bekannter Online-Automobilmarkt listet derzeit genau ein Exemplar, für gut 10.000 Euro, Standort: Schweiz. Auf den letzten Kilometern, mit den letzten Fetzen Wind in der Nase, kommt Wehmut auf. Das war es, jetzt heißt es wieder: ABS, ESP, adaptive Fahrwerke, Zweizonen-Klimatisierung. Schön, aber nicht ganz so schön wie die letzten Sonnenstrahlen bei der Zieleinfahrt am Hamburger Fischmarkt. Škoda Felicia: Datenblatt
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